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Videospiele und Medienpädagogik
Was ist schon real? - Über Wirklichkeit und Perspektiven im Computerspiel und im wirklichen Leben 05.07.2010

Der vorliegende Artikel ist die Einleitungsrede zum am 9.7.2010 aufgeführten Theaterstück "Die Söhne der Freiheit", einer Bühnenadaption des Videospielklassikers "Metal Gear Solid 2 - Sons of Liberty".


 

Was ist real? Was ist wirklich? Das was man sieht? Was man glaubt zu sehen?

Die Realität einer Person hat selten etwas mit der einer anderen zu tun. Für Sie ist dieser (gezeigte, Anm. d. Verfassers) Apfel zum Beispiel rot, glänzend, perfekt. Wenn ich Ihnen sage, er ist ungenießbar, durch und durch verdorben, so würden Sie mich wahrscheinlich für verrückt erklären, genauso wie ich Sie für wahnsinnig halten würde, wenn Sie danach greifen, um herzhaft in ihn zu beißen. Wenn ich ihn aber nun umdrehe, wir praktisch unsere Blickwinkel tauschen, erlangen wir neue Erkenntnisse und ein neues Bild der Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit verändert sich.

Wir Eltern, Pädagogen und Schulen schreiben uns auf die Fahnen, Schüler auf die Wirklichkeit vorzubereiten. Aber welche Wirklichkeit ist das? Meine? Ihre? Die der Schüler? Und wenn unsere Kinder fertig mit der Schule sind, egal welche Schulform, ist die Realität, die sie erwartet, auch die, auf die wir glaubten, sie vorbereitet zu haben?

In Zeiten von Columbine und Winnenden stellt sich auch die Frage, ob Computerspiele die Realitätswahrnehmung unserer Kinder in fragwürdiger Weise beeinflussen, sie auf etwas vorbereiten, was das Worst Case Szenario einer jeden Schule ist. Verschiedene Wissenschaftler führen verschiedene Studien an, die unterschiedliche Meinungen als empirisch belegt propagieren und die eine oder andere Sichtweise zur Realität erklären. Die einen verschlingen den Apfel direkt, die anderen werfen ihn in den Müll. Manche picken sich aus der Apfelkiste ein faules Exemplar und schicken dann die ganze Ladung zurück zum Großhändler. Zum Glück nehmen zunehmend mehr von ihnen einige Exemplare in die Hand und riechen erst einmal daran, probieren und tauschen sich mit anderen aus.

Das Theaterstück, das wir heute sehen, ist eine Adaption eines erfolgreichen Computerspiels. Und eines steht fest: Unabhängig von aktuellen Diskussionen, egal ob es zu meiner, unserer oder Ihrer Realtität gehört: Computerspiele sind längst integraler Bestandteil der Lebenswirklichkeit unserer Kinder. Und während wir über faule Äpfel diskutieren, fachsimpeln die Kinder über Granny Smith, Jonagold, Boskoop und Golden Delicious. Wir, die Erwachsenen, haben zwangsläufig eine andere Sichtweise auf das Subjekt, die Spiele. Klar, kennt man, alles schon oft da gewesen, Rock ´n Roll und Fernsehen sind nur zwei Beispiele in einer langen Reihe von Neuerungen, die in ihrer Anfangszeit viel diskutiert wurden und heute als selbstverständlich und harmlos angesehen werden. Doch was wir hier heute sehen werden, ist ein gutes Beispiel dafür , dass auch das Medium der Videospiele im Begriff ist, sich zu emanzipieren. Längst werden nicht mehr nur Bücher verfilmt oder zu Theaterstücken gemacht, oder Bücher zu Hollywood-Blockbustern geschrieben. Das Videospiel beginnt, traditionelle Medien und Kunstformen zu befruchten, und etabliert sich als eigene Erzählform. Sollte der „Tod eines Handlungsreisenden“ heute als Videospiel umgesetzt werden, würde er „Heavy Rain“ heissen, „Die Glorreichen Sieben“ werden dann zu „Red Dead Redemption“, „Schneewittchen“ und „Das Tapfere Schneiderlein“ werden zu „Super Mario“ und „Professor Layton“. Selbst das gute alte Kreuzworträtsel hat promoviert und heißt jetzt „Dr. Kawashimas Gehirnjogging“.

Wenn man sich der Handlung eines Spiels oder Filmes hingibt, sich für die Dauer einiger Stunden hinter den Controller oder in einen Kinosaal begibt, gibt man bewusst eine Realität zugunsten einer anderen auf. Doch die Frage der virtuellen Realität ist bei „Metal Gear Solid 2 - Sons of Liberty“, der Vorlage zum Theaterstück, nicht nur Teil des Akts des Spielens, sondern auch Thema der Handlung und erinnert in diesem Sinne an Rainer Werner Fassbinders 70er-Jahre-Film „Welt am Draht“ oder Paul Austers Roman „Stadt aus Glas“, von dem sich Spielschöpfer Hideo Kojima nach eigenen Angaben auch inspirieren ließ. Der Protagonist Raiden ist bestens ausgebildet durch sein Training in der virtuellen Realität. Aber ist er das wirklich? Ist Rock `n Roll Moralverfall? Erziehen Computerspiele unsere Kinder wirklich zu kaltblütigen Killern? Bereiten wir unsere Schüler ausreichend auf die Wirklichkeit jenseits der Schule vor? Keine der Fragen kann und sollte direkt und eindeutig beantwortet werden. Aber was wir tun müssen, ist den Apfel von allen Seiten zu betrachten, bevor wir unreflektiert hinein beißen oder ihn in den Müll werfen.

Björn Wieland, Lehrer
VMP Videospiele- und Medienpädagogik AG

 

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